Entwicklung der Anzahl vollstationärer Krankenhausfälle in Deutschland während und nach der COVID-19-Pandemie
Martin Rößler, Claudia Schulte, Ulrike Illmann, Uwe Repschläger, Christoph Bobeth, Dagmar Hertle, Danny Wende
Der Beginn der COVID-19-Pandemie bedeutete für die deutschen Krankenhäuser eine abrupte Veränderung des Leistungsgeschehens. So sank die Anzahl an Behandlungsfällen von 19,4 Millionen im Jahr 2019 auf 16,8 Millionen im Jahr 2020 und damit um rund 13 Prozent. Diese Veränderung war nicht nur kurzfristiger Natur. Auch im Jahr 2024 erreichte die Krankenhausfallzahl mit 17,6 Millionen nicht mehr ihr Ausgangsniveau.
In dem vorliegenden ePaper analysiert das BARMER Institut für Gesundheitssystemforschung (bifg) diese tiefgreifenden Veränderungen im stationären Bereich. Hierfür wird eine Methodik zur Schätzung von Exzess-Fallzahlen eingesetzt, die auf einem Vergleich der tatsächlichen Fallzahlen mit den ausgehend von den Daten des Jahres 2019 zu erwartenden Fallzahlen basiert. Diese Methodik erlaubt eine Charakterisierung der seit Pandemiebeginn „fehlenden“ Fälle sowie ihrer zeitlichen Entwicklung. Des Weiteren ermöglicht sie die Identifikation von Bevölkerungsgruppen, die überdurchschnittlich hohe oder niedrige Exzess-Fallzahlen aufwiesen. Neben den vollstationären Fallzahlen werden die Belegungstage sowie die Krankenhaussterblichkeit in den Blick genommen.
Die Ergebnisse der Analysen zeigen, dass die vollstationären Fallzahlen seit 2020 persistent um 14 bis 16 Prozent unterhalb ihres ausgehend von 2019 erwarteten Wertes lagen. Analoge Entwicklungen ergaben sich bei den Belegungstagen. Besonders starke Rückgänge zeigten sich bei Fällen mit Hauptdiagnosen, die auf einen niedrigen bis moderaten Schweregrad hindeuten. Hierzu zählen beispielsweise Rückenschmerzen, Hals- und Brustschmerzen sowie Bauch- und Beckenschmerzen. Fallzahlrückgänge zeigten sich jedoch in allen Diagnosegruppen und Altersklassen. Besonders ausgeprägt und persistent fielen diese Rückgänge bei zu Hause betreuten Pflegebedürftigen mit niedrigem Pflegegrad aus. Auch die Krankenhaussterblichkeit fiel mit Pandemiebeginn unter ihr erwartetes Niveau. Dies galt insbesondere für Pflegeheimbewohnerinnen und Pflegeheimbewohner mit Krebserkrankungen.
Zusammenfassend offenbaren die Analyseergebnisse persistente Veränderungen im Bereich der stationären Versorgung. Auffällige Rückgänge bei Fällen mit niedrigem bis moderatem Schweregrad sowie bei vulnerablen Bevölkerungsgruppen weisen auf eine systematische Vermeidung von stationären Behandlungen hin. Zusammengenommen mit einem hohen Ambulantisierungspotenzial unter den verbleibenden vollstationären Fällen machen diese Ergebnisse eine baldige Rückkehr der vollstationären Fallzahlen auf ihr Ausgangsniveau unwahrscheinlich. Ein Erhalt bestehender stationärer Kapazitäten um jeden Preis im Rahmen der aktuellen Krankenhausreform ist angesichts dieser Ergebnisse aus Versorgungsgesichtspunkten nicht zu rechtfertigen.
Ergänzend zum ePaper stehen interessierten Nutzerinnen und Nutzern interaktive Grafiken mit weiteren Analyseergebnissen im Versorgungskompass zur Verfügung.
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